Ratatatam - Literatur aus Vergangenheit und Gegenwart

Irmgard Keun

Nach Mitternacht

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Gestern habe ich Nach Mitternacht von Irmgard Keun in einer schönen Ausgabe der Büchergilde Gutenberg (Reihe Exilliteratur) zu Ende gelesen. Dieser kurze Roman schildert den Alltag in der nationalsozialistischen Diktatur aus der Sicht eines jungen Mädchens, der 19-jährigen Susanne Moder, die in kleinbürgerlichen Verhältnissen lebt. Und es ist grad die Naivität Ihres Erzähltons, gepaart mit der Ironie der Autorin, die die Atmosphäre der Denunziation, die Folgen der Blockwartlogik und der steten Gefahr, wegen einer Nichtigkeit in ein Gestapo-Verhör oder in Schutzhaft zu geraten, so bedrückend macht. Bisher hat mir kein Roman den Alltag dieser Zeit aus der Sicht einfacher Leute und gescheiterter und unterdrückter Kulturarbeiter wie Schriftsteller und Journalisten, so nahe gebracht, geradezu unter die Haut gehend; geradezu nachfühlbar, wie tief Hass, Misstrauen und Gewalt die Gesellschaft durchdrungen hatten. Der Roman erschien bereits 1937 bei Querido in Amsterdam. 

Irmgard Keun, eine faszinierende, mutige Frau. Zur Zeit lese ich auch die einzige Biografie über Irmgard Keun, geschrieben von Hiltrud Häntzschel. Links zu Irmgard Keun, die sich lohnen:

– Wortwuchs: Lebenslauf und Werke von Irmgard Keun
– Deutschlandfunk: „Eine schreibende Frau mit Humor, sieh mal an!“
– Lesekost: Biografie von 2001: Hiltrud Häntzschel: Irmgard Keun
– Wikipedia: Analyse: Nach Mitternacht

18. April 2021    Rubrik Vergessene Literatur    Direktlink

William Melvin Kelley

Ein anderer Takt

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Rassismus wird in dem Roman Ein anderer Takt als ein unsichtbares und zähes Geflecht sichtbar, das bis in die kleinsten Verästelungen des Fühlens und Denkens eingedrungen ist und selbst in Freundschaften wirkt, die die Rassengrenzen zu überwinden suchen.  Auf 268 Seiten fegte William Melvin Kelley all das, was sich in meinem Kopf an Gut-und-Böse-Naivität eingenistet hatte, hinweg. Nicht allein der Hass zementiert den Rassismus und die Machtverhältnisse, auch der Anpassungsdruck, der fehlende Mut, sich zu positionieren, auch die Angst vor Annäherung, die Furcht vor Ausgrenzung aus der eigenen Kaste. Subtil positioniert man sich, auch wenn man nicht hasst und nichts gegen Schwarze hat. Das Befremden bleibt, auf beiden Seiten. Jeder ist verstrickt, doch die Opfer sind die Schwarzen, die früher gelyncht und heute hinterrücks erschossen werden. Daran läßt Ein anderer Takt keinen Zweifel. Und wünschten wir uns als Leser auch sehr die Hände der Versöhnung, zeigt die brutale Szenerie eines Lynchmordes im letzten Kapitel des Buches, was es bedeutet, unentrinnbar einer entmenschlichten Gewalt ausgeliefert zu sein. Ohne Illusion und in einer erschreckenden Klarheit beschreibt William Melvin Kelley den Blick der Gewalt, ein Blick, “der verriet, dass der Mechanismus, der den Menschen zum Menschen macht, ausgeschaltet war”. Mit ähnlicher Intensität hat auch James Baldwin in Beale Street Blues den Blick eines sexualisierten rassistischen Polizisten geschildert. Eine abgrundtiefe Leere in der Seele rettet sich allein in Hass und Gewalt, das ist eine Erkenntnis beider Romane. Aus einem beeindruckenden Einfühlungsvermögen verdichtet William Melvin Kelley mit sezierender Sprache, die an Gustave Flaubert erinnert, die Tragödie des Rassismus exemplarisch anhand einer kleinen Stadt in den USA der 50er Jahre.  

Ein anderer Takt ist bereits 1962 erschienenen. Erst 2019 wurde eine deutsche Übersetzung veröffentlicht, wofür dem Verlag Hoffmann und Campe nicht oft genug zu danken ist, auch für die Beauftragung einer kongenialen Übersetzung von Dirk van Gunsteren.  — Ein anderer Takt bei Hoffmann und Campe.

21. März 2021    Rubrik Moderne Klassiker    Direktlink

Ralph Segert

Sonnenburg

Ich möchte interessierte Leser auf meine Erzählung Sonnenburg hinweisen, die ich Anfang 2020 als erste Erzählung in meinem Projekt Wandelkern veröffentlicht hatte und die ich nun für einen Literaturwettbewerb eingereicht habe. Ich bin gespannt! Lesezeit beträgt ca. 10 Minuten. — Weiterlesen?

12. März 2021    Rubrik Erzählungen    Direktlink

Jürgen Serke

Die verbrannten Dichter

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Vor einiger Zeit habe ich mir das Buch Die verbrannten Dichter von dem Journalisten Jürgen Serke aus einem Online-Antiquariat besorgt und es ist schnell zu einem der wichtigsten Sachbücher für mich geworden. Dieses Buch hat mir einen neuen Literaturkosmos erschlossen: Expressionistische Literatur vor und nach dem 1. Weltkrieg und die Exilliteratur dazu. Dieses Buch hat mir zahlreiche faszinierende Schriftsteller*innen und Dichter*innen, zahlreiche mutige Kulturschaffende näher gebracht. Dieses Buch hat mich an vielen Stellen bewegt, da es mir bewusst gemacht hat, in welchem Ausmaß der nationalsozialistische Terror eine lebendige Kultur unterdrückt und vernichtet hat. Alle die, die für eine freie Kunst standen, wurden feige ermordet, wurden in die Flucht, in den Suizid, ins Vergessen getrieben. Dieses Buch hat mir gezeigt, dass diese reiche Kultur nach der Befreiung vergessen oder verkannt wurde. Und dieses Buch trug dazu bei, dass viele Künstler*innen wiederentdeckt, neu aufgelegt und endlich gewürdigt wurden, auch wenn das oftmals beschämend spät, sehr spät geschah. Viele Werke, die nach der Befreiung erst 30, 40 oder 50 Jahre später neu aufgelegt wurden, sind allerdings nur noch antiquarisch zu erwerben. 

Im Laufe der Zeit werde ich hier die Literater*innen und einige ausgewählte Werke, die mich am meisten fasziniert haben, vorstellen. Mir fallen Ernst Toller, Klabund, Franz Jung, Irmgard Keun, Gertrud Kolmar, Albert Ehrenstein, Paul Zech, Ernst Weiss, Rahel Sanzara ein. Dazu gehört auch die unglaublich produktiv gewesene Schriftstellerin Carry Brachvogel, die in dem hier vorgestellten Buch nicht vorkommt, was vielleicht auf die Idee bringen könnte,  eine Fortsetzung des Buches zu schreiben, nämlich das der verbrannten Dichter*innen. 

Gertrud Kolmar (1894 – 1943)

Auf den Fotos ist Gertrud Kolmer als Mädchen und junge Frau zu sehen. Sie hat einen Roman (Die Mutter) und Gedichte geschrieben. Diese Fotos sind wichtig, sie bringen uns die Menschen näher, die nicht weiterleben durften oder konnten. Das Buch enthält viele davon.

12. März 2021    Rubrik Vergessene Literatur    Direktlink

Emmanuelle Bayamack-Tam

Arkadien

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Mutig, gewagt, am Puls der Zeit. Ein sprachmächtiger Roman über ein 14jähriges Mädchen, das in einer extrem esoterischen und konsumkritischen Sekte lebt. Sie fragt sich, ob ihr Geschlecht undefinierbar bleiben wird. Sie fühlt sich "Queer", was ihre Lust auf Sex und ihr Sehnen nach Liebe nicht entgegensteht, das beschreibt der Roman sowohl in einfühlsamer wie auch in ironischer Weise. Und  Bayamack-Tam schildert ohne Rücksicht auf rigide Mainstream-Erwartungen sexuelle Freizügigkeiten, die bewusst bis zur Grenze des Aushaltbaren getrieben werden, während die Welt ausserhalb der Sekte die Perversion der Entfremdung feiert und Anderssein sanktioniert und verachtet. Dass der Roman auch kulinarisch auf der Höhe der Zeit ist, dazu passt das sprachliche Festmahl mit den fein und herb und scharf gewürzten Sätzen. Nach der unterhaltsamen Lektüre, bei der ich oft gelacht habe, wurde mir einmal mehr bewusst: Was dir die Welt auch abverlangt, mit Humor wird vieles leichter, selbst das Anderssein. — Arkadien beim Secession Verlag.

10. März 2021    Rubrik Gegenwartsliteratur    Direktlink

Tove Ditlevsen

Kindheit

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Ein bewegender Kurzroman, geschrieben in einer einfachen Sprache, die zwischen Poesie, Nüchternheit und Ironie in die Gedankenwelt eines einsamen Kindes entführt. Der Roman ist im Arbeitermilieu angesiedelt, Dänemark vor dem 2. Weltkrieg. Der autofiktionale Text ist der erste Teil aus der sogenannten "Kopenhagen-Trilogie".  Die Autorin fragt, was im Kern ihre Kindheit war und was es macht mit einem sensiblen Kind, wenn es mit einer kalten Mutter und einem distanzierten Vater in sozialen Nöten aufwächst? Das Mädchen sieht nur einen Weg, der am wenigsten Leid verspricht: Sich unsichtbar zu machen, sich aufzulösen als wollendes Wesen und sich am Ende allein über Andere zu definieren. Trost allein findet sie nur im Schreiben, doch die letzten Züge ihrer Kindheit werden markiert durch ein frühes Scheitern und vergeblich ersehnter Anerkennung.

Eine in den Feuilletons gefeierte Wiederentdeckung, passend zum gegenwärtigen Bedürfnis nach autofiktionaler Literatur. Die beiden anderen schmalen Bände tragen die Titel Jugend und Abhängigkeit. — Kindheit beim Aufbau Verlag.

10. März 2021    Rubrik Autofiktion    Direktlink

Franz Jung

Das Trottelbuch

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Neben Ernst Toller war es die Geschichte von Franz Jung, die mich in dem Buch ”Die verbrannten Dichter" in den Bann zog. Mit Freude habe ich danach entdeckt, dass der Verlag Edition Nautilus eine Werkausgabe von Franz Jung im Programm hat, die der kleine, verwegene Verlag als “förderungsfreie Edition” nach 16 Jahren und in 14 Bänden vollenden konnte. Neben der Werkausgabe werden auch Einzelausgaben von Franz Jung wie zum Beispiel Das Trottelbuch aufgelegt. Das Trottelbuch erschien 1912 als erstes Buch von Franz Jung. Von den drei Erzählungen hat mich vor allem “Die Erlebnisse der Emma Schnalke” beeindruckt. Franz Jung schildert darin komprimiert die Liebe einer Frau zu einem Mann, an dessen Depressionen, Eifersucht und Zerrissenheit sie zu zerbrechen droht, wobei das Ende offen bleibt, was damals als Provokation empfunden wurde. Franz Jung erzählt in einer Sprache, die nicht den Eindruck hinterläßt, dass diese Erzählung vor 109 Jahren geschrieben wurde. Die Sprache also und die Thematik der Entfremdung zwischen den Geschlechtern geben dieser Erzählung eine Aktualität, die mich erstaunt hat. Aber der Autor schenkt dem Leser nichts: Franz Jung seziert die Verzweiflung, anstatt sie geniessbar zu machen, er macht das “schleichende Gift” der inneren und gegenseitigen Aufzehrung sichtbar und deutet unaufdringlich an, dass es als zermürbende Zumutung einer deformierten Gesellschaft in die Seelen sickert. — Das Trottelbuch bei Edition Nautilus.

02. Februar 2021    Rubrik Vergessene Literatur    Direktlink

Ulla Lenze

Der Empfänger

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In einer Rezension über den Roman Der Empfänger von Ulla Lenze las ich, dass die Hauptfigur ein rückgratloser "Nazi-Mitläufers" sei. Und obwohl mich das zuerst abschreckte, bestellte ich mir das Buch bei dem Buchhändler meines Vertrauens und bereute das nicht.

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Sara Mesa

Quasi

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Die spanische Schriftstellerin Sara Mesa erzählt in dem Kurzroman Quasi die Geschichte einer ungewöhnlichen Begegnung. Ihre treibende, helle und ohne Umschweife erzählende Sprache zog mich gleich auf den ersten Seiten in ihren Bann. Es ist die Geschichte zweier Menschen, die auf dem ersten Blick ungleicher nicht sein können und die aus dem Befremden ins Vertrauen gehen.

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Ulrich Alexander Boschwitz

Menschen neben dem Leben

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Ich liebe Bücher, in denen mir die geschilderten Menschen nahe kommen, seien sie auch aus einer ganz anderen Zeit, arm oder reich, mächtig oder ausgegrenzt, widersprüchlich oder gewöhnlich (scheinbar). Dann passiert für mich das, was ich das kleine Wunder des Lesens nenne. Ein Wunder, das wirkte, als ich Menschen neben dem Leben von Ulrich Alexander Boschwitz las.

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Monika Helfer

Die Bagage

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Da ist dieser besondere Ton von Monika Helfer, der sich grundgütig und mit umkreisender, behutsamer Distanz seinen Figuren nähert.

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Lutz Seiler

Stern 111

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Zufällig hörte ich im Auto auf WDR 5 ein Interview mit Lutz Seiler. Der Interviewer stellte manche oberflächliche Frage über den Roman Stern 111 und Lutz Seilers souveräne Antworten machten mich neugierig auf das Buch.

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Abbas Khider

Palast der Miserablen

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Selten hing mir ein Roman auch mehrere Tage nach dem Lesen so nach wie Palast der Miserablen von Abbas Khider. Als hätte ich eine Familie aus einem fernen Land kennengelernt, die mir ans Herz gewachsen und für immer zu verlassen sei. So fühlte sich das nach dem Lesen an. Dieser außergewöhnliche Roman hat mich sehr berührt, sehr unterhalten und sehr nachdenklich gemacht.

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Jörg Fauser

Das Schlangenmaul

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Da sage noch jemand, die deutsche Literatur habe keinen Raymond Chandler. Auch Jörg Fauser beherrschte diesen lakonischen Großstadtton und übertrug ihn auf deutsche Einsamkeit und Niedertracht.

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Marghanita Laski

Herz, sprich lauter

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Marghanita Laski entdeckte ich Anfang des Jahres 2020 im Arche-Literaturkalender. Ich wurde neugierig auf den neu übersetzten und bereits 1949 veröffentlichten Roman Herz, sprich lauter

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Jörg Fauser

Rohstoff

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Als Mitte der Achtziger Jahre mein Interesse für Literatur geweckt war, las ich auch literatur konkret aus dem Gremliza Verlag. Ich meine, dass ich in einer der Ausgaben zum ersten Mal las, dass Jörg Fauser ein unterschätzter Autor und ein Ausnahmetalent sei.

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Philippe Besson

Hör auf zu lügen

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Beim Stöbern in einer Buchhandlung zog ich das Buch aus dem Regal und las die erste Seite. Dann las ich sie noch einmal leise mir selbst vor, um zu hören, ob es wirklich ein so wunderbarer Rhythmus ist.

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“Ein Buch ist ein Ding unter vielen, ein totes Ding, bis jemand es öffnet.”

Jorge Luis Borges