Ratatatam - Literatur aus Vergangenheit und Gegenwart

Vergessene Literatur

Irmgard Keun

Nach Mitternacht

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Gestern habe ich Nach Mitternacht von Irmgard Keun in einer schönen Ausgabe der Büchergilde Gutenberg (Reihe Exilliteratur) zu Ende gelesen. Dieser kurze Roman schildert den Alltag in der nationalsozialistischen Diktatur aus der Sicht eines jungen Mädchens, der 19-jährigen Susanne Moder, die in kleinbürgerlichen Verhältnissen lebt. Und es ist grad die Naivität Ihres Erzähltons, gepaart mit der Ironie der Autorin, die die Atmosphäre der Denunziation, die Folgen der Blockwartlogik und der steten Gefahr, wegen einer Nichtigkeit in ein Gestapo-Verhör oder in Schutzhaft zu geraten, so bedrückend macht. Bisher hat mir kein Roman den Alltag dieser Zeit aus der Sicht einfacher Leute und gescheiterter und unterdrückter Kulturarbeiter wie Schriftsteller und Journalisten, so nahe gebracht, geradezu unter die Haut gehend; geradezu nachfühlbar, wie tief Hass, Misstrauen und Gewalt die Gesellschaft durchdrungen hatten. Der Roman erschien bereits 1937 bei Querido in Amsterdam. 

Irmgard Keun, eine faszinierende, mutige Frau. Zur Zeit lese ich auch die einzige Biografie über Irmgard Keun, geschrieben von Hiltrud Häntzschel. Links zu Irmgard Keun, die sich lohnen:

– Wortwuchs: Lebenslauf und Werke von Irmgard Keun
– Deutschlandfunk: „Eine schreibende Frau mit Humor, sieh mal an!“
– Lesekost: Biografie von 2001: Hiltrud Häntzschel: Irmgard Keun
– Wikipedia: Analyse: Nach Mitternacht

18. April 2021 ° Rubrik Vergessene Literatur ° Direktlink

Jürgen Serke

Die verbrannten Dichter

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Vor einiger Zeit habe ich mir das Buch Die verbrannten Dichter von dem Journalisten Jürgen Serke aus einem Online-Antiquariat besorgt und es ist schnell zu einem der wichtigsten Sachbücher für mich geworden. Dieses Buch hat mir einen neuen Literaturkosmos erschlossen: Expressionistische Literatur vor und nach dem 1. Weltkrieg und die Exilliteratur dazu. Dieses Buch hat mir zahlreiche faszinierende Schriftsteller*innen und Dichter*innen, zahlreiche mutige Kulturschaffende näher gebracht. Dieses Buch hat mich an vielen Stellen bewegt, da es mir bewusst gemacht hat, in welchem Ausmaß der nationalsozialistische Terror eine lebendige Kultur unterdrückt und vernichtet hat. Alle die, die für eine freie Kunst standen, wurden feige ermordet, wurden in die Flucht, in den Suizid, ins Vergessen getrieben. Dieses Buch hat mir gezeigt, dass diese reiche Kultur nach der Befreiung vergessen oder verkannt wurde. Und dieses Buch trug dazu bei, dass viele Künstler*innen wiederentdeckt, neu aufgelegt und endlich gewürdigt wurden, auch wenn das oftmals beschämend spät, sehr spät geschah. Viele Werke, die nach der Befreiung erst 30, 40 oder 50 Jahre später neu aufgelegt wurden, sind allerdings nur noch antiquarisch zu erwerben. 

Im Laufe der Zeit werde ich hier die Literater*innen und einige ausgewählte Werke, die mich am meisten fasziniert haben, vorstellen. Mir fallen Ernst Toller, Klabund, Franz Jung, Irmgard Keun, Gertrud Kolmar, Albert Ehrenstein, Paul Zech, Ernst Weiss, Rahel Sanzara ein. Dazu gehört auch die unglaublich produktiv gewesene Schriftstellerin Carry Brachvogel, die in dem hier vorgestellten Buch nicht vorkommt, was vielleicht auf die Idee bringen könnte,  eine Fortsetzung des Buches zu schreiben, nämlich das der verbrannten Dichter*innen. 

Gertrud Kolmar (1894 – 1943)

Auf den Fotos ist Gertrud Kolmer als Mädchen und junge Frau zu sehen. Sie hat einen Roman (Die Mutter) und Gedichte geschrieben. Diese Fotos sind wichtig, sie bringen uns die Menschen näher, die nicht weiterleben durften oder konnten. Das Buch enthält viele davon.

12. März 2021 ° Rubrik Vergessene Literatur ° Direktlink

Franz Jung

Das Trottelbuch

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Neben Ernst Toller war es die Geschichte von Franz Jung, die mich in dem Buch ”Die verbrannten Dichter" in den Bann zog. Mit Freude habe ich danach entdeckt, dass der Verlag Edition Nautilus eine Werkausgabe von Franz Jung im Programm hat, die der kleine, verwegene Verlag als “förderungsfreie Edition” nach 16 Jahren und in 14 Bänden vollenden konnte. Neben der Werkausgabe werden auch Einzelausgaben von Franz Jung wie zum Beispiel Das Trottelbuch aufgelegt. Das Trottelbuch erschien 1912 als erstes Buch von Franz Jung. Von den drei Erzählungen hat mich vor allem “Die Erlebnisse der Emma Schnalke” beeindruckt. Franz Jung schildert darin komprimiert die Liebe einer Frau zu einem Mann, an dessen Depressionen, Eifersucht und Zerrissenheit sie zu zerbrechen droht, wobei das Ende offen bleibt, was damals als Provokation empfunden wurde. Franz Jung erzählt in einer Sprache, die nicht den Eindruck hinterläßt, dass diese Erzählung vor 109 Jahren geschrieben wurde. Die Sprache also und die Thematik der Entfremdung zwischen den Geschlechtern geben dieser Erzählung eine Aktualität, die mich erstaunt hat. Aber der Autor schenkt dem Leser nichts: Franz Jung seziert die Verzweiflung, anstatt sie geniessbar zu machen, er macht das “schleichende Gift” der inneren und gegenseitigen Aufzehrung sichtbar und deutet unaufdringlich an, dass es als zermürbende Zumutung einer deformierten Gesellschaft in die Seelen sickert. — Das Trottelbuch bei Edition Nautilus.

02. Februar 2021 ° Rubrik Vergessene Literatur ° Direktlink