Ratatatam - Bücher wie Züge in der Seele

Bücher wie Züge in der Seele

Jörg Fauser

Rohstoff

Buchcover

Als Mitte der Achtziger Jahre mein Interesse für Literatur geweckt war, las ich auch literatur konkret aus dem Gremliza Verlag. Ich meine, dass ich in einer der Ausgaben zum ersten Mal las, dass Jörg Fauser ein unterschätzter Autor und ein Ausnahmetalent sei.

Diese Wertschätzung hat sich nach vielen Jahren auch bei etablierten Verlagen durchgesetzt, nicht umsonst arbeitet der Diogenes Verlag an einer neuen Gesamtausgabe. Das Todesurteil des bei weitem nicht unfehlbaren Marcel Reich-Ranicki, Fauser schreibe "Konfektionsware", ist hiermit endgültig als oberflächliche Abwertung enttarnt. Fauser lebt. Und wie!

Der Roman Rohstoff, als Fausers Hauptwerk gehandelt, ist eine Reise durch die Undergroundwelten und Kommunen der späten Sechziger Jahre. Den Protagonisten Harry Gelb treibt es von Istanbul zurück nach Deutschland mit Stationen in Berlin, Göttigen und Frankfurt. Er will endlich einen Verlag für sein Manuskript finden und vom Opium loskommen, das ihn zu zerstören droht. So beginnt eine Reise, die durch prekäre Jobs, wildes Kommuneleben und zahlreiche Nackenschläge geprägt ist. Und dieser Harry Gelb verliert einfach nicht den Mut, steht immer wieder auf, getrieben durch den Willen, Schriftsteller zu werden. Am Ende wird er grob aus einem Lokal geworfen und landet auf dem Boden. Die beiden letzten Sätze des Romans, nachdem Harry Gelb, ganz unten angekommen, auf dem Pflaster landet, zeigen wie durch ein Brennglas den unnachahmlichen Ton, die gestochen scharfe Lakonie und die bewunderswerte Selbstdistanzierung von Jörg Fausers Schreibkunst.

"Aus der Nähe sah dieses Pflaster interessant aus, es gab sogar einen Riss, der durch den Asphalt lief, und in dem Riss spross ein Grashalm. Wenn das so ist, dachte ich, dann kann ich auch aufstehn."

An so gut wie keiner Stelle läßt uns Jörg Fauser am Innenleben seiner Figur teilnehmen. Und vielleicht kam mir gerade deshalb der verzweifelte Mut des Anti-Helden, der uns durch eine noch wilde, noch nicht in allen Belangen bürgerlich festgezurrte Welt führt, so nahe. Ich liebe nicht nur dieses Buch, ich liebe auch Jörg Fauser.

Ralph Segert am 27. März 2020   Kleiner Newsletter   RSS