Ratatatam - Literatur aus Vergangenheit und Gegenwart

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Henry James

Vertrauen und Die Drehung der Schraube

Im vergangenen Jahr ist meine Tochter Mutter geworden. Schon diese Tatsache hat mich sehr glücklich gemacht. Aber ich habe mich noch über etwas anderes gefreut: Sie und ihr Mann haben ihren Sohn Henri genannt. Nun haben die beiden dabei vermutlich nicht an Henry James gedacht. So wie ich. Und der Name meines Enkels wird ja auch mit i geschrieben und nicht mit y. Trotzdem ist Henri für mich seitdem immer auch eine kleine Erinnerung an Henry James.

Auch deshalb möchte ich heute sagen: Lest Henry James. Lest Henry James, wenn ihr psychologische Tiefe ohne Ausdeutung wollt. Wenn ihr Geschichten mögt, die schwer zu interpretieren sind und euch gerade deshalb in ihren Bann ziehen. Wenn ihr schöne, treffende, ausformulierte und rhythmisierte Sprache liebt.

Und lest ihn, wenn ihr etwas über die Komplexität der menschlichen Seele erfahren wollt. Über Menschen am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts. Über die Unterschiede zwischen Europa und Amerika. Aber auch über etwas, das zeitlos ist: über Nähe und Distanz. Über Vertrauen und Misstrauen. Über das, was Menschen voneinander wissen – und über das, was sie nur zu wissen glauben.

Für den Einstieg möchte ich euch zwei Werke empfehlen. Das erste heißt „Vertrauen“. Und der Titel ist Programm.

Henry James entfaltet darin die Beziehungen zwischen zwei Frauen und zwei Männern. Zwischen zwei Paaren. Zwischen Menschen, deren Freundschaft auf dem Spiel steht und die nach Verwerfungen, Missverständnissen und Trennungen erst langsam lernen, einander zu vertrauen. Oder vielleicht sollte man genauer sagen: Sie müssen erst einmal herausfinden, ob Vertrauen überhaupt möglich ist. Das ist unglaublich fein und berührend geschildert.

Schon die Eingangsszene hat mich sofort in diesen Roman hineingezogen. Ein Mann sitzt an einer alten Kirche und malt. Henry James beschreibt diesen Ort so, dass man das mediterrane Licht geradezu vor Augen hat. Man spürt die Wärme. Man sieht die Farben. Man befindet sich plötzlich selbst dort.

Dann entdeckt der Mann eine Frau. Eine Frau, die ihn nicht mehr loslässt. Sie bleibt lange distanziert. Und sofort entsteht etwas zwischen ihnen, das noch gar keinen eindeutigen Namen hat. Eine Spannung. Eine Erwartung. Vielleicht auch nur eine Ahnung. Das ist einfach großartig geschildert. Mich hat diese Szene sofort angerührt.

Den Roman gibt es in unterschiedlichen deutschen Übersetzungen. Ich habe zwei davon gelesen. Mir gefällt die ältere Übersetzung von Fritz Lorch aus dem Manesse Verlag besser. Sie hat für mich mehr Charme. Sie transportiert mehr von dem zeitlichen Kolorit. Die neuere Übersetzung ist sprachlich vielleicht zugänglicher und holt heutige Leser eher ab. Aber ich mag gerade diese leichte historische Entfernung. Sie gehört für mich zu Henry James dazu.

Das zweite Werk, das ich euch vorstellen möchte, ist „Die Drehung der Schraube“.

Dieses Buch gilt nicht ohne Grund als eines der außergewöhnlichsten Werke der Weltliteratur. Es ist nicht so, dass es gar nicht interpretiert werden könnte. Ganz im Gegenteil. Es lässt sich auf verschiedene Arten interpretieren. Aber keine dieser Deutungen kann die anderen endgültig verdrängen.

Man weiß nie mit Sicherheit, was dort eigentlich geschieht. Und auch nicht, was als Nächstes geschehen könnte.

Man ist bei diesen Kindern. Man folgt der jungen Gouvernante. Man hört von Erscheinungen und spürt eine Bedrohung. Aber woher kommt sie? Sind dort tatsächlich Geister? Fantasieren die Kinder? Bildet sich die Gouvernante etwas ein? Befindet man sich in einem Traum, in einem Albtraum oder geschieht das alles wirklich? Man weiß es nicht.

Das Unheimliche wird immer stärker. Gleichzeitig wird die Geschichte immer spannender. Man liest weiter, weil man endlich verstehen will, was dort vor sich geht. Aber am Ende löst sich nichts eindeutig auf. Und genau das ist grandios.

Henry James muss hier eine besondere Eingebung gehabt haben. Er bringt etwas in eine literarische Form, das wir vermutlich alle kennen: Wir spüren Unheil, ohne zu wissen, woher es kommt. Wir haben Ahnungen, die wir nicht richtig einordnen können. Wir nehmen etwas wahr, können aber nicht entscheiden, ob es von außen kommt oder aus uns selbst.

Vielleicht ist das eine der tiefsten Formen des Unheimlichen. Nicht das, was wir sehen, macht uns Angst. Sondern das, was sich jeder eindeutigen Erklärung entzieht.

„Vertrauen“ und „Die Drehung der Schraube“ sind zwei sehr unterschiedliche Werke. Das eine erzählt von Beziehungen, Missverständnissen und der langsamen Möglichkeit, Vertrauen zu lernen. Das andere führt uns in einen Zustand, in dem wir unseren Wahrnehmungen immer weniger vertrauen können. Vielleicht passen sie gerade deshalb so gut zusammen. Und vielleicht sind sie ein guter Einstieg in die Welt von Henry James.

Ralph Segert ° 15. August 2026 ° Rubrik Moderne Klassiker ° Kontakt