Ratatatam

Ein Leben ohne Software

05.02.08

Wie wenig wir uns über die Verletzlichkeit technischer Systeme, die ohne Strom nicht funktionieren würden, Gedanken machen. Entsprechend groß ist der Schrecken bei Ausfall. Auf der Ebene des Users könnte das der Crash der externen USB-Festplatte sein, auf der man stolz seine 160 GB große Musiksammlung herumreicht. Auf internationaler Ebene sind das aktuell vier „Untersee-Internetkabel“, deren Ausfall Teile Indiens und des Nahen Ostens vom Netz getrennt hat und IT-Firmen eine Ahnung vom digitalen Super-Gau brachte. Ben Schwan sieht in dem Artikel Ein Leben ohne Netz die Globalisierung in Gefahr, die ohne weltweites „billiges Netz“ ins Stocken geraten würde: „Der Vorfall macht deutlich, wie abhängig die Menschheit inzwischen von ihrer Telekommunikationsinfrastruktur geworden ist.“

Die „Menschheit“ ohne Netz! Gemeint ist die Menscheit, die Computer und Netze entwickeln, betreiben und kaufen können. Und die kann sich auch ein Leben ohne Software nicht mehr vorstellen. Sie lebt in Gesellschaften, die sich mit zunehmender Geschwindigkeit virtualisieren. Virtualisierung, die die Virtualisierung beschleunigt. Wirtschaft und Gesellschaft, Leben und Kultur hängen an Einsen und Nullen, der Sauerstoff der Globalisierung.

IT-Netzwerke und Software beschleunigen die Produktion, das Verteilen von Waren, die weltweite Kommunikation und vieles mehr. Was Software alles steuert, misst, auswertet, überwacht, simuliert, „hört“, „spricht“, „sieht“, suggeriert, transportiert, koordiniert! Sollte der Transistor einmal streiken, was wäre dann? Allgemein: Ein Leben ohne Software, ohne Virtualität würde direkt ins Chaos führen. Wie sähe das aus?

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      

„Klick, und weg“ und die coole Entfremdung

01.02.08

In seiner neuen Kolumne mit Verrissen von Produkten, berichtet Peter Glaser in der Technology Review über den Abschiedsbrief-Generator und stellt diesen in den Zusammenhang einer „Klick, und weg“-Haltung. Nichts weniger als eine kulturelle und seelische Verarmung könnte hier im Gange sein und als weitsichtiger Zeuge wird der Kulturwissenschaftler Lewis Mumford zitiert:

„Nichts kann die menschliche Entwicklung so wirkungsvoll hemmen wie mühelose, sofortige Befriedigung jedes Bedürfnisses durch mechanische, elektronische oder chemische Mittel.“ In der ganzen organischen Welt beruhe Entwicklung auf Anstrengung, Interesse und aktiver Teilnahme – nicht zuletzt auf der stimulierenden Wirkung von Widerständen, Konflikten und Verzögerungen. „Selbst bei den Ratten kommt vor der Paarung die Werbung.“

Jeder der beispielsweise einmal gestärkt aus einer schmerzhaften Trennung erwachsen ist, kann diese Erkenntnis wohl gut nachvollziehen. Andererseits wird sich wohl kaum jemand davon freisprechen können, dass ihm einmal der Mut gefehlt habe, mit „Respekt“ gegenüber dem Anderen Schluß zu machen. Nur dass man heute statt des Telefons Internet-Software benutzt, wobei ein Klick natürlich viel weniger Mut als ein Telefonat erfordert.

Interessant finde ich diese Haltung des „Klick, und weg“ im Zusammenhang mit der These, dass eine Verminderung sozialer Kontakte und der Fähigkeit zur Konzentration durch ständige Aufmerksamkeit am Computer und im Internet stattfinde. Unter dem Titel Kognitives Zappen und Multitasking habe ich dazu meine Erfahrungen als Internet-Junkie aufgeschrieben. Die Auflösung der Konzentrationfähigkeit durch ständigen Klick-Input mit Hilfe zahlreicher Dienste und Programme könnte mit einer Hilflosigkeit gegenüber Problemen und Konflikten einhergehen, gepaart mit Selbstbestätigung der eigenen Coolness: Klick, und aus dem Sinn, was für eine leichte Rache.

Vielleicht ist es auch einfach nur eine unbewusste Notwehr gegenüber einem ungeahnten Übermaß an Reizen, das durch diese als Sozialveranstaltung postulierte Vermehrung von Videos, Bildern und Podcasts noch unerwartet zugenommen hat.

Das oben zitierte Zitat (das ist Bloggen ;-) von Lewis Mumford hat mich neugierig gemacht auf den Mann, vor allem auf sein Hauptwerk Mythos der Maschine – Kultur, Technik und Macht, ein zweibändiges Werk, veröffentlicht zwischen 1966 und 1970. Auf dem ersten Buchmarkt ist es nicht mehr zu haben.

Dort fand ich einen Absatz von der Seite 770, der die Nähe des Menschen zu Pflanzen und Tieren herausstellt und Grundeigenschaften“ beschreibt, die wir mit Tieren gemein hätten: „verlängerte sexuelle Paarung und Aufzucht der Jungen, Geselligkeit und erotische Lust, Verspieltheit und Freude“.

Seine tiefe Liebe zum Leben wurde dadurch verstärkt, daß er sich in einer Umwelt fand, die ihm nicht nur physische Nahrung bot, sondern auch seine unablässige Selbstumwandlung förderte. In dieser Hinsicht haben selbst die einfachsten Organismen uns etwas Wesentliches zu sagen, das weit über den Horizont unserer raffiniertesten Technologie hinausgeht. Wären wir in bezug auf Erfahrungen und materielle Subsistenz ganz auf die Maschine angewiesen, so wäre die Menschheit schon längst an Unterernährung, Langeweile und hoffnungsloser Verzweiflung gestorben.

Autor: Ralph Segert   Tags: , ,   1 Kommentar    


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