Ratatatam

Die Siedlung oder der Rest vom Leben

04.01.14

Ich habe eine Erzählung von mir wiederentdeckt. Sie spielt in meiner Jugend in den 70er Jahren in Bochum und beschreibt das Leben in einer verrufenen Siedlung.

Die Junggesellen

Typisch für die Siedlung an der Herzogstraße in Bochum – die von den Anderen Sonnenburg und Asozialenasyl genannt wurde – waren „die Junggesellen“, die auf dem Foto eine Kiste ihres Grundnahrungsmittels zu ihren Kollegen trugen.

Ein alter Bochumer würde wohl erkennen, was für eine Biermarke sie gemeinsam „beschlagnahmt“ hatten. Das war ein Gebräu namens „Fiege Export“, das wohl alle vorlauten Jungs in der Siedlung irgendwann einmal hastig und heimlich durch ihre Kehlen rinnen liessen.

So ein vorlauter Junge war mein Bruder, halt wie die meisten in der Siedlung. Auf dem Bild nutzte er die Gelegenheit, um sich mit seiner giftgrünen Jacke vorzudrängeln, denn ein Fotoapparat in der Nähe war etwas besonderes; und für einen guten Platz im Bild, lohnte es sich zu kämpfen. Die beiden Junggesellen blieben ruhig, wie fast immer. Überhaupt war die Männer-WG in der Siedlung ein stoischer Haufen zwischen großen, verarmten Familien, nicht anders hätten sie auch die Respektlosigkeiten der Rumtreiber-Banden aushalten können, die täglich ihre frechen Schnauzen zum Besten gaben und sich manchen mehr oder weniger gemeinen Streich ausdachten.

Zweikampf auf dem Bolzplatz

Rumtreiber-Banden bildeten sich notwendigerweise, denn wir waren immer draußen. In der Wohnung war es zu eng und wenn alle da waren, war in der Küche oder im Kinderzimmer die Hölle los. Meistens suchten wir freiwillig das Weite. Mit dem Klapprad nach Holland, das war kein Problem, spontan versteht sich. Es gab Tage, da liefen wir unsere 30 Kilometer durch Bochum, um Verwandte am anderen Ende der Stadt zu besuchen, stellten im Dauerlauf Rekorde in Klingelmännchen auf und spielten Abends noch 2 Stunden Fußball auf einem Bolzplatz. Diesen verließen wir nicht selten mit aufgerissenen Knien und Ellbogen. Denn manche gemeinen Hunde stellten Dir im vollen Lauf ein Bein und dann hörte man Dich hart rutschen, danach dann hassen und manchmal auch weinen.

Die Siedlung war ein Kosmos für sich. Als „städtische Wohnunterkunft“ bot sie Ausgegrenzten und kinderreichen Familien eine preisgünstige Wohnung ohne Mietvertrag und somit auch ohne Rechte. Der Verwalter durfte jederzeit die Wohnungen betreten, was er aber zu vermeiden wusste. Besuch war nur bis 22 Uhr erlaubt, was niemand wirklich kontrollierte. Auch Telefonanschlüsse waren lange Zeit nicht vorgesehen, entsprechend nicht erlaubt.

Eine Bande

Die Stadt Bochum machte Sozialpolitik mit einem Drei-Stufen-System. Stufe 3 war die letzte Stufe. Darin verlegte die Stadt die „Problemfälle“, die dort in Zwei-Zimmer-Wohnungen hausten und zwei- oder dreimal in der Woche für 50 Pfenning in den gemeinsamen Duschraum durften – auch „Gaskammer“ genannt. Manchmal gab es auch regelrechte Strafverlegungen in diese letzte aller Siedlungen namens Zillertal. Sie war besonders verrufen und bochumweit bekannt. Von hier aus gingen sozusagen alle Verbrechen der Welt aus und selbst die Bewohner der zweiten Stufe fühlten sich als etwas besseres. Nein, sie seien sicher keine Unschuldsengel aber auch kein Pack wie dieses.

In der Stufe 2 wohnten wir, in der Siedlung Herzogstraße. Auch der sah man von weitem das kleine Ghetto an. Vier rote Backsteinblöcke reihten sich hintereinander, abgegrenzt durch den Bolzplatz, eine Steinfabrik, den Zaun eines Bauern und eine Strasse mit großen Feldern daneben, die zu Kleingärten führten, die im Sommer Opfer von Plünderungszügen wurden.

Treppenaufgang

Es gab Aufgänge zu 3 Etagen, die aus langen Gängen bestanden und Zugang zu den grauen Eisentüren boten. Aber immerhin hatten wir die Dusche in der Wohnung und dazu drei statt zwei Zimmer, so dass wir es mit sieben Personen auf 54 Quadratmetern vergleichsweise gut hatten.

Auch wohnten wir im zweiten „Bau“, so wurden die Blocks immer genannt (wie die Sprache sich eben den Gegebenheiten anpasst). Dieser Block war etwas besonderes, denn dort wohnte der Verwalter, der manchmal mehr soff als die Junggesellen und sich ansonsten nur in wirklich harten Fällen zum Einschreiten genötigt sah. Sein Sohn war mein bester Freund und wir teilten später die Mofaleidenschaft, verliebten uns zugleich in dasselbe Mädchen und lernten zur gleichen Zeit „Strippenzieher“.

Vogelpause auf dem Balkon

Der vierte Bau war gegenüber dem zweiten Bau völlig verrufen in der Siedlung. Dort wohnten die „Zigeuner“ und von dort kamen auch immer die Läuse her. Das behauptete nicht nur meine Mutter, wenn sie uns schimpfend die kleinen Viecher auskämmte. Im vierten Bau war auch am häufigsten die Polizei, denn dort wohnten ja nur Verbrecher. Und tätsächlich endete manche Verfolgungsjagd der Polizei am letzten Bau und öfter hörte man dort das Schreien oder Weinen von Frauen, die geschlagen wurden. Aber wenn ich mich recht erinnere, wurden in jedem Bau Frauen geschlagen. Die rächten sich manchmal mit geheimen und ausdauernden Hetzereien, die hier und dort mit nächtlichen Eierwürfen gegen Fenster oder in Familienschlägereien endeten.

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Die Stufe 1 der Bochumer Sozialpolitik habe ich nie richtig kennengelernt. Ich weiss nur, dass es dort eher einen Telefonanschluss gab und dass die Häuser dort fast normal aussahen. Trotzdem meinte der Rest des Stadtteils Langendreer, dass dort die Asozialen, Kriminellen und Säufer wohnen würden. Und wir hatten sogar noch Junggesellen dabei, die sich in ihrer WG den Rest vom Leben gaben.

Autor: Ralph Segert   Tags: , ,      


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