Ratatatam

04.03.08

Gestern wiedergesehen: „Die Nonne“ („La Religieuse“, 1966), großes Filmwerk von Jacques Rivette nach einem Roman von Denis Diderot („La Religieuse“ von 1760). Schilderung des Lebens der unfreiwilligen Nonne Suzanne Simonin (gespielt von Anna Karina) und ihrer Qualen vom 16. bis zum 20. Lebensjahr. Kämpft mutig für die Anfechtung des unter psychologischem Druck abgegebenen Gelübdes. Wird von einer herzlosen, fanatischen Äbtistin fast bis zum Wahnsinn gequält, darf nach einer erzbischöflichen Untersuchung und mit Glück das Kloster wechseln, leidet dort unter den Nachstellungen der sexhungrigen Äbtistin (gespielt von Liselotte Pulver). Läßt sich von einem Beichtvater zur Flucht überreden, der sie danach zum Sex zwingen will. Flüchtet abermals, lebt eine Zeit im Volk und wird danach zur Kurtisane gemacht, ohne zu wissen, was sie erwartet. Vor Scham stürzt sie sich aus dem Fenster.

Der Film orientiert sich wohl streng am Roman Diderots, der selbst kurz in einem Kloster zwangseingewiesen war. Das religiöse Leben im Ancien Régime wird nicht verteufelt, sondern differenziert dargestellt. Zwänge, politisches Kalkül, Herzlosigkeit überwiegen, aber es wird auch Mitgefühl, Aufrichtigkeit und Vernunft gezeigt. Der Film lebt von genialen Einstellungen, die das Leid des Opfers und das Leben im Kloster aus der Distanz zeigen und dadurch umso eindringlicher machen. Der Film erzählt ohne Umschweife, geradezu schnell, ohne dass dem Rezipienten das auffallen muss. Rivette vermeidet durch kunstvolle Kameraführung die Identifikation mit Tränendrüseneffekt. Gut und böse sind nicht abgegrenzt. Am Ende, wenn das Opfer tot auf dem Steinpflaster liegt, ist auch der Zuschauer befreit und begreift die Ausweglosigkeit, an die ein sensibler, naiver Mensch in einer von religiösen Zwängen geprägten, zu sexueller Versklavung neigenden Gesellschaft zerbrechen kann. Ein tragisches Scheitern wie es überall und jederzeit passieren kann.

Jacques Rivette, geboren 1928, einer der Väter der Nouvelle Vague, ist wie François Truffaut (einer meiner favorisierten Filmkünstler) über Filmkritiken für die „Cahiers du Cinéma“ zur Regie gekommen.

   

5 Kommentare

  • 1 — Geschrieben von Paul Z am 5. März 2008 um 15:52:

    Vielleicht noch als Hinweis, dass es eine DVD-Collection mit Rivette-Filmen gibt („Edition Jacques Rivette – 6 DVDs“), eine weitere ist geplant. Mit Bonusmaterial, was ich immer ganz spannend an DVDs finde.

  • 2 — Geschrieben von ralphs am 11. März 2008 um 13:50:

    Danke für den Hinweis, hatte ich just bei der Webrecherche auch gesichtet. :-)

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