Ratatatam

Beiträge zum Thema Literatur

Bürger ohne Datenschutz

07.04.09

Wer sich auch nur ein klein wenig für den Schutz seiner Daten interessiert, dem lege ich dringend die Doku „Der gläserne Deutsche“ ans Herz, die das ZDF heute um 23.30 Uhr sendet. Die FR hat dazu einen sehmotivierenden Artikel namens Bis unter die Haut veröffentlicht. Vertiefen läßt sich übrigens die Tatsache des real existierenden Datenmissbrauchs zudem durch den Artikel „Freiwillige“ Rasterfahndung, der Belege dafür anführt, wie das Bundeskriminalamt mit Beginn der Antiterrorhysterie ab Herbst 2001 persönliche Daten von Firmen eintrieb, um damit die heute als verfassungswidrig eingestufte und äusserst erfolglose Rasterfahnung zu betreiben. Was sagt uns das alles? Dass der gläserne Bürger längst Tatsache ist? Reichen Sarkasmus und renitente Plakate oder was muss passieren?

Statements aus der Blogosphäre zur Dokumentation „Der gläserne Deutsche“:
Text & Blog: Der gläserne Deutsche: Doku über Datensammler. Dort auch der Hinweis auf die ZDF-Mediathek, für Interessierte, die heute Abend nicht schauen können.
Handakte Weblawg: ZDF-Doku: Bis unter die Haut
Oberlehrer: Der gläserne Deutsche im ZDF

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      

Abgrundtiefe Betroffenheit

15.03.09

Die mediale Ausschlachtung des Amoklaufs nahm ich nur aus den Augenwinkeln wahr. Mehr als ein Schulterzucken habe ich zur Zeit nicht übrig dafür. Zu oft und detailreich hatte ich etwas in der Art in den letzten Jahren beobachtet. Mit der Ära 11. September, mit der Rechtfertigung des Afghanistan-Krieges und in den Tagen von Heiligendamm traten die medialen Muster zwischen Desinformation und Krokodilstränen, die getragen von kaltherzigen Zynikern, halbwissenden Experten und hörigen Rezipienten, deutlicher denn je hervor.

Zu beobachten ist auch der Verlust sprachlicher Feinmotorik selbst bei der sich um Seriösität bemühenden Presse. So titelte die Frankfurter Rundschau einen Tag nach den Geschehnissen selbstgerecht auf der Titelseite: „Der Amoklauf von Winnenden“. Als wüsste die Zeitung bereits alles über den Fall, als wäre alles gesagt und geklärt, als hätte der Amoklauf von … bereits in der Pipeline gestanden. So zeigt der Freitag Sinn für die Ausschlachtung medialer Konjunkturwörter und läßt Nachrichten Amok laufen. Weniger verzeihlich dagegen ist ein anderes Beispiel medialer Verfehlung. So belegt die Süddeutsche Zeitung aufschlussreich die These, dass journalistische Recherche sich untertänigst an kompetenzfreie Aussagen staatlicher Organe zu orientieren habe.

Verstärkt hat sich in den letzten Jahren eine Art ritualisierter Kleinkrieg zwischen „etablierter Online-Presse“ und „engagierten Bloggern“, die bei besonders heiß diskutierten Themen vor allem von Spiegel online genutzt wird, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das wird, anders gesagt, mit Hilfe der Gerechten bewusst als mediale Masche eingesetzt. Im Verlauf entfernt sich der Empörungsfokus weg vom Geschehnis hin zum Feindbild Berufsjournalist und das in einer Aufgeregtheit und Wut, die jeder Verhältnismäßigkeit spottet.

Derweil schlägt das kalte Herz des deutschen Beamtenapparates tagtäglich gegen Recht und Würde zu. Nur schaffen es die Menschen zweiter und dritter Klasse nicht auf die Titelseiten und in die beste Sendezeit. Beamte des „Frankfurter Flughafenasyls“, eine der ersten Adressen der Flüchtlingsabwehr unter dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, hatten einem 17jährigen hochschwangeren Mädchen kurz vor der Entbindung eine „angemessene Betreuung“ verweigert. Erst öffentlicher Druck half die Beamten zur Einsicht. Zuvor muteten sie dem Mädchen noch ein quälendes Verhör zu, schließlich gelten Flüchtlingskinder ab 16 Jahren als „asylmündig“ – „eine Form der Volljährigkeit, die es nur für Flüchtlinge gibt“.

In diesem Licht erscheinen die aus allen Ecken der Nation kriechenden Tiefbetroffenen wie ein häßlicher Haufen der Heuchelei. Die Gleichen, die hierzulande per Gesetz den Flüchtlingen das Leben so schwer und unwürdig wie möglich zu machen versuchen und dabei auf zahlreiche Beamte ohne einen Funken Mitgefühl zurückgreifen können, die Gleichen stellen sich vor das Mikrofon, um ihrer abgrundtiefen Trauer öffentlichkeitswirksam Ausdruck zu verleihen.

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      

Kein Medienlemming

05.01.09

Das Recht auf Selbstverteidigung haben Faschisten in aller Welt schon immer so ausgelegt, dass ein Opfer in den eigenen Reihen hundertfach gerächt werden muss. Aber soweit muss man gar nicht gehen, um die Kriegssüchtigen dieser Tage, die gerne um Weihnachten zum Ausdruck bringen, was sie vom Völkerrecht halten, zu entlarven. Ein Wahlkampf, eine Generalskarriere reicht, um sie möderisch zu machen, so einfach kann Politik sein. Die Affen in der Presse, von kriegsliberal bis dumpf-auf-Merkel, die, die jeden Tag die Toten zählen, als wären es noch nicht genug, die, die für ihren Karrierearsch die Rechtfertigungen fürs staatliche Morden protegieren, die? – Die kenne ich nun zu lange, die gehen mir am Arsch vorbei. Ich bin kein Medienlemming, der auf Abruf auf Empörung macht. Dafür ist zuviel alltägliches Leid und zuviel alltäglicher Krieg in der Welt ohne Öffentlichkeit. Alltäglicher Krieg, der nicht zuletzt durch eine Rüstungsindustrie gewollt ist, die hierzulande weltweit auf Platz Drei thront. Irgendeine Industrie muss in der Krise schliesslich funktionieren, selbst dann, wenn die Krise vor ihrem unerwarteten Ausbruch medial aufgeputscht wird.

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Autor: Ralph Segert   Tags:   2 Kommentare    

Popmusik als Folterwerkzeug

14.12.08

Die Titelmelodie der Sesamstraße, „Stayin‘ Alive“, „Born in the USA“ und andere Popsongs wurden im Terrorgefängnis Guantánamo zur Folter eingesetzt. Nun wehren sich die Musiker. Ausser Metallica, die seien „stolz“ darauf, „am ‚Krieg gegen den Terror‘ teilnehmen zu dürfen“. Stecken die also mit dem Ex-Folterchef Rumsfeld unter einer verkommenen Decke. Ich fand ihre Musik schon immer so scheisse wie die kalte Fresse vom Herrn Donald. Die Liste der Songs hat die britische Menschenrechtsorganisation Reprieve veröffentlicht. Es gibt Gazetten, die diese Folter verharmlosen.

Autor: Ralph Segert   Tags: ,   5 Kommentare    

Krise Bumm Knall im freien Fall

10.12.08

„Die Weltwirtschaft befindet sich im freien Fall„! Wusch Bumm Knall! Jeden Tag jetzt exklusiv allerlei Prozente der Apokalypse. Ein Experte übertrifft den anderen. Man orakelt sich in Panik. Morgen machts da puff und die Weltwirtschaft is putt, der neue Slogan der Massenbewegung der Wirtschaftsweisen und Amateurjournalisten. Die Weltwirtschaft wird zum Verschwörer und droht mit Soilent Green. Nicht Dioxin, nicht Feinstaub wird uns raffen, auch das Klima und sein Wandel wirds nicht schaffen; ja selbst ExxonMobil packt das nicht, im vollen Wahn der Wachstumspflicht, na, wer wirds schaffen? Was?

Autor: Ralph Segert   Tags: ,   8 Kommentare    

TUBUK für das unabhängige Buch

15.05.08

Über Herrn Paulsen sein Kiosk entdeckt: Die Online-Buchhandlung TUBUK für Bücher von unabhängigen Verlagen. Klasse Idee mit schöner Site, die Leser dazu einlädt, als Bücherscouts Empfehlungen auszusprechen. Selbstaussage: „Wir vertreiben nicht jedes Buch, sondern ganz bewusst junge, innovative Bücher abseits des Massenbetriebs, abseits der gehypten Bestsellerlisten.“ Da kann ich nur Erfolg wünschen.

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      

Spezialist für Historische Romane

19.04.08

epochenfinder.jpg Ich war gerade einmal einige Stunden in Brügge, da war ich bereits verliebt in diese einzigartige Stadtlandschaft, die wirklich im Land der gräßlichsten Bausünden steht. Brügge bietet ein quierliges Stadtleben und verführt zugleich immer wieder in längst vergangene Zeiten. Auf der Suche nach historischen Romanen, die in Brügge spielen, habe ich dann ohne Umwege die Website historische-romane.de entdeckt. Die Gestaltung ist passend zum Thema und die bereitgestellten Informationen können sich sehen lassen. Den Epochenfinder finde ich nicht nur grafisch gut gelungen, sondern auch sehr informativ. Hier wird der Besucher nicht mit Infohäppchen abgespeist, hier darf gelesen werden. Hier darf man seinen Bildungshunger befriedigen, so dass am Ende vielleicht Lust auf einen historischen Roman aufkommt, der auf dieser Website bestellt werden kann. Das empfehle ich gerne, denn die Betreiberinnen Harriet v. Stauffenberg und Alexandra Plath möchten mit dieser Idee auch Geld verdienen. Es muss ja in der Tat nicht immer Amazon sein, wir sind doch keine Konsumlemminge. ;-)

Autor: Ralph Segert   Tags: ,   2 Kommentare    

Flauberts Beobachtungsgabe

12.03.08

Gustave Flaubert in Lehrjahre des Gefühls, Insel Verlag, 2001, S. 302f:

„Hussonet war nicht gut aufgelegt. Dadurch, dass er täglich über alle möglichen Themen schrieb, viele Zeitungen las, vielen Diskussionen beiwohnte und, um zu beeindrucken, paradoxe Behauptungen von sich gab, hatte er schließlich den genauen Begriff von den Dingen verloren und sich mit den schwachen Raketen seines Geistes selbst blind gemacht. Die Sorgen eines ehemals leichtsinnigen, jetzt aber schwierigen Lebens hielten ihn in dauernder Erregung; und seine Ohnmacht, die er sich nicht eingestehen wollte, machten ihn bissig, sarkastisch.“

Autor: Ralph Segert   Tags: ,   1 Kommentar    

Die Nonne von Jacques Rivette

04.03.08

Gestern wiedergesehen: „Die Nonne“ („La Religieuse“, 1966), großes Filmwerk von Jacques Rivette nach einem Roman von Denis Diderot („La Religieuse“ von 1760). Schilderung des Lebens der unfreiwilligen Nonne Suzanne Simonin (gespielt von Anna Karina) und ihrer Qualen vom 16. bis zum 20. Lebensjahr. Kämpft mutig für die Anfechtung des unter psychologischem Druck abgegebenen Gelübdes. Wird von einer herzlosen, fanatischen Äbtistin fast bis zum Wahnsinn gequält, darf nach einer erzbischöflichen Untersuchung und mit Glück das Kloster wechseln, leidet dort unter den Nachstellungen der sexhungrigen Äbtistin (gespielt von Liselotte Pulver). Läßt sich von einem Beichtvater zur Flucht überreden, der sie danach zum Sex zwingen will. Flüchtet abermals, lebt eine Zeit im Volk und wird danach zur Kurtisane gemacht, ohne zu wissen, was sie erwartet. Vor Scham stürzt sie sich aus dem Fenster.

Der Film orientiert sich wohl streng am Roman Diderots, der selbst kurz in einem Kloster zwangseingewiesen war. Das religiöse Leben im Ancien Régime wird nicht verteufelt, sondern differenziert dargestellt. Zwänge, politisches Kalkül, Herzlosigkeit überwiegen, aber es wird auch Mitgefühl, Aufrichtigkeit und Vernunft gezeigt. Der Film lebt von genialen Einstellungen, die das Leid des Opfers und das Leben im Kloster aus der Distanz zeigen und dadurch umso eindringlicher machen. Der Film erzählt ohne Umschweife, geradezu schnell, ohne dass dem Rezipienten das auffallen muss. Rivette vermeidet durch kunstvolle Kameraführung die Identifikation mit Tränendrüseneffekt. Gut und böse sind nicht abgegrenzt. Am Ende, wenn das Opfer tot auf dem Steinpflaster liegt, ist auch der Zuschauer befreit und begreift die Ausweglosigkeit, an die ein sensibler, naiver Mensch in einer von religiösen Zwängen geprägten, zu sexueller Versklavung neigenden Gesellschaft zerbrechen kann. Ein tragisches Scheitern wie es überall und jederzeit passieren kann.

Jacques Rivette, geboren 1928, einer der Väter der Nouvelle Vague, ist wie François Truffaut (einer meiner favorisierten Filmkünstler) über Filmkritiken für die „Cahiers du Cinéma“ zur Regie gekommen.

Autor: Ralph Segert   Tags:   5 Kommentare    

Das Glück der Unschuld

26.02.08

Da der Zufall der „große Meister aller Dinge“ sei, ist es für Luis Buñuel folgerichtig eine lästige und allgegenwärtige „Manie“, alles verstehen zu wollen. Es mache die Dinge mittelmäßig und würdige sie herab.

„Wären wir in der Lage, unser Geschick dem Zufall anzuvertrauen und das Geheimnis unseres Lebens mutig anzunehmen, wären wir einem bestimmten Glück nahe, das der Unschuld ähnelt.“ – Mein letzter Seufzer, Berlin 2004, S. 249ff

Autor: Ralph Segert   Tags: ,   1 Kommentar    

Der arme Verstand

25.02.08

Leseerlebnis erster Güte, hurmorvoll und unterhaltsam: Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann. Der Naturforscher Alexander von Humboldt und der Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß in ihrer Gedankenwelt:

„Aber der Verstand, sagte Humboldt, forme die Gesetze!
Der alte kantische Unsinn. Gauß schüttelte den Kopf. Der Verstand forme gar nichts und verstehe wenig. Der Raum biege und die Zeit dehne sich. Wer eine Gerade zeichne, immer weiter und weiter, erreiche irgendwann wieder ihren Ausgangspunkt. Er zeigte auf die niedrig im Fenster stehende Sonne. Nicht einmal die Strahlen dieses ausbrennenden Sterns kämen auf gerade Linien herab. Die Welt könne notdürftig berechnet werden, aber das heiße noch lange nicht, daß man irgend etwas verstehe.“ – Hamburg 2007, S. 220

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      


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