Ratatatam

Archiv: September 2014

Abnehmen mit Genuß und Gefühl

15.09.14

In den letzten fünfzehn Monaten habe ich zwölf Kilo abgenommen. Meine Abnehmtour fing Anfang 2013 an. Ich hatte das Rekordgewicht von 84 Kilo auf dem Leib. Zwar wirkte ich mit meinen 179 nicht wirklich dick, aber ich fühlte mich unwohl und war erschreckend unbeweglich geworden.

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Foto: photodune.net

Ich fing wieder mit dem Laufen an. Ich schaffte es, regelmäßig fünf Tage in der Woche die Laufschuhe zu schnüren. Nach einigen Monaten lief ich im Schnitt vierzig Kilometer in der Woche, gemütlich und ohne Leistungsdruck. Dabei nahm ich drei Kilo ab. Danach blieb das Gewicht konsequent bei 81 Kilo, wieviel ich auch lief. Das nervte mich und ich fing an zu forschen.

Einen Monat vor meinem Urlaub kam ich auf die Idee, eine Kalorien-App zu benutzen, um pro Woche ein Kilo abzunehmen. Um es vorwegzunehmen: In vier Wochen schaffte ich drei Kilo, ohne wirklich zu hungern. Ich war erstaunt.

Ich hatte mich zuvor zwei Einschränkungen unterworfen. Meine seit einigen Wochen anhaltende Alkoholpause fortzusetzen und keine Süßigkeiten mehr zu essen. So wirklich schaffte ich letzteres nicht. Aber ich ass tagsüber wenig, so dass ich mir Abends als Belohung oft Schokolade gönnte. Zudem sprach ich mir einen Tag in der Woche zu, an dem ich keine Kalorien zählte. Insgesamt was das der Anfang eines langfristigen Abnehmens, auch wenn ich im Urlaub wieder zulegte.

Das zwischenzeitliche Wiederzunehmen begleitete mich die ganzen letzten zwölf Monate. Weihnachten und um die Jahreswende herum sah ich es nicht ein, auf all diese leckeren Kalorienbomben zu verzichten und gönnte mir eine Auszeit. In Kilo war das Ergebnis fünf Schritte vor und zwei wieder zurück. Aber genau dieser Effekt motivierte mich, die nächste konsequente Runde des Abnehmens zu beginnen. Ich setzte mir ein Ziel, respektierte mein Vorhaben, also mich, und erreichte mein Ziel.

In diesen ganzen Monaten habe ich tolle Erfahrungen mit dem Abnehmen gemacht. Ich entdeckte das Essen mit Vorfreude und Freude. Ich gewann eine anderen Haltung zum Körper. Ich verstand, daß es nicht um schnelles Abnehmen mit Quälerei geht, sondern um ein bewussteres Verhältnis zum Essen und zum Körper. Was half mir konkret?

Ich machte mir Anfangs die Menge der Kalorien bewusst, die ich alltäglich zu mir nahm und verglich die Summe mit der, die ich ungefähr brauche. Wahnsinn!

Ich entdeckte unscheinbare Kalorien-Bömbchen und entschärfte sie. Ich reduzierte die Unmengen an Milchkaffee pro Tag, trank in kleineren Tassen, nahm weniger Espresso pro Tasse, um ein Beispiel zu nennen. Denn Frischmilch hat es in sich und fettarme schmeckt mir im Kaffee einfach nicht.

Ich beschloß, mich auf mein Essen und Trinken zu konzentrieren und verringerte die Situationen, in denen ich am Rechner, beim Aufräumen oder unterwegs irgendetwas in mich hineinschluckte. Essen, ohne zu wissen, was ich gerade eigentlich esse, das wollte ich nicht mehr. Stattdessen nahm ich mir Zeit für das Essen, ohne nebenbei etwas zu tun. Ich entdeckte die Langsamkeit des Kauens, ich entdecke sie immer noch jeden Tag. Ohne stetiges Üben werde ich das nicht verinnerlichen. Essen als notwendiges Übel, als Nichtkultur sitzt hierzulande immens tief.

In manchen Monaten übte ich das Hinauszögern des Essens. So lief ich erst meine Runden und nahm danach das Frühstück. Das wirkt wie eine Belohnung, die genußsteigernd sein kann. Dabei werden selbstverständliche Nahrungsmittel zu etwas besonderem. Einen Obstteller schätzte ich wert, frische Kohlrabi mit Salz wurden eine herzhhafte Lust, um Beispiele zu nennen.

Weniger ist mehr, darauf ist der menschliche Stoffwechsel eingestellt. Mit wie wenig der Körper auskommt, das erstaunt mich immer wieder. Aber es ist eine Frage des Trainings und der Gewohnheiten, wann der Hunger aufhört und wann er sich wieder meldet – und auch, wie ich Hunger wahrnehme.

Ich begann wieder zu kochen. Und auch wenn ich nicht häufig koche, verfeinerte ich leckere Gerichte. Dabei entdeckte ich zwanglos die vegetarische Küche und staunte, wie lecker und sättigend sie sein kann. Der seltene Fleischgenuß stellte sich wie von selbst ein. Wie schön ist das denn, dachte ich, lerne ich, auf meine Essbedürfnisse zu achten?!

Als praktisch erwies sich die Entscheidung, Fertignahrung durch selbstgemachte zu ersetzen. So bereite ich mir einen Früchte-Joghurt-Quark mit oder ohne Honig zu, der mein Bedürfnis nach etwas Frischem mit leichter Süße befriedigt. Ich mache mir eine ausreichende Menge für drei bis fünf Tage. Meistens ist er aber schneller weg, weil Freunde und Kinder auch gerne mitessen. Im Vergleich zu gekauften Joghurts nehme ich gut vierzig Prozent weniger Kalorien zu mir und esse etwas, das besser schmeckt.

Wenn ich dann mal koche, koche ich oft auf Vorrat. So habe ich schnelle Gerichte wie den Pesto-Nudelsalat mit frisch geriebenem Parmesan im Programm. Das schmeckt köstlich und ist nebenbei auch ein schnell zubereitetes Party-Essen, das gerne gegessen wird.

Interessant an der Erfahrung des Kochens: Ich habe meistens weniger Hunger danach, vor allem wenn die Zubereitung etwas aufwendiger ist. Anscheinend wird bereits die Zubereitung mit dem Probieren, Riechen und der Vorfreude zu einem sättigenden Erlebnis.

Für mich ist Essen machen nun häufig ein sinnliches Erlebnis. Allein das Riechen von frischen Kräutern, die Überraschung eines Gewürzes, das Reiben von Ingwer, das Pressen von Zitronen und Orangen, so dann Curry und Kräuter in der heißen Pfanne. Wie gut wir es haben!

Die Zeit rennt, als Freiberufler mit Lebensfreude ist sie stetig knapp. Da kam die Entdeckung der einfachen Snacks gerade richtig. Knäckebrot mit Hüttenkäse oder Magerquark, etwas Salz darauf und ordentlich Kresse. Lecker und frisch! Ein dünnes Roggenbrot mit Bio-Tomatenmark – der von Rapunzel schmeckt fruchtig und ist mein Ersatz für die Butter aufs Brot. Darauf eine Scheibe Nußschicken. Ein Genuß. Und beide Leckereien bleiben weit unter hundert Kalorien.

Ich würde lügen, behauptete ich, dass mich niemals der Heiß- oder Tröste-mich-Hunger gequält hätte. Aber wenn ich dann stark blieb, schlug ich ihm ein Schnippchen, indem ich einen saftigen süßsauren Apfel ass. Für mich das Wundermittel gegen Heißhunger-Attacken, die dann bei mir oft für mehrere Stunden wie weggeblasen waren.

Es ist fast müßig, zu erwähnen, dass mehr oder weniger regelmäßige Bewegung je nach Beruf notwendig ist, um langfristig abzunehmen und das Gewicht dann auch zu halten. Mein Motto ist: Fünf mal die Woche schwitzen, egal wie. Laufen, Radfahren, schnelles Gehen, den höchsten Stadtturm via Treppe besteigen. Ich sehe jede Bewegung, selbst Putzen und Spülen als köprerlichen Ausgleich und nicht als Last an. Im Alltag mache ich viele Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Und ich laufe fünf bis sechs Tage in der Woche, wenn nicht gerade eine längere Tagestour mit dem Rad ansteht. Ich kann nur sagen, das tut gut!

Ich glaube an keine Diätwunder und meide Gesundheitspäpste. Schnelles Abnehmen ist oft die Garantie für das umso zügigere Wiederzunehmen. Mein Körper sagt mir, was gerade gut ist für mich, falls ich verstehe, ihn zu deuten. Das schließt ein, Abnehmen als ein längerfristiges Unterfangen zu begreifen, bei dem es darum geht, eine andere Haltung zur Ernährung, zum Genuß und zum eigenen Körper zu entwickeln. Alles andere führt meistens zu alten Gewohnheiten und manchmal sogar zu mehr Gewicht. Gegen unseren Körper geht es nicht.

Bei aller Ernsthaftigkeit half mir beim Durchhalten auch, daß ich mir Ausfälle und Auszeiten verzieh. Eine Woche voller Kuchen und Schokolade mit Kaloriensummen jenseits aller Vernunft nahm ich nicht zum Anlaß, aufzugeben und meine Bauchspeicheldrüse zu bemitleiden. Selbstironie, Gelassenheit und Humor sind dann nicht die schlechtesten Freunde. Genau das meine ich mit Gefühl, einem Gefühl für die eigene Person, das keinen Perfektionismus und keine Eile verlangt, sondern Nachsicht gegenüber den eigenen Schwächen und Macken. Dann wird es mir möglich sein, dranzubleiben beim Projekt Abnehmen, bis ich nicht mehr darüber nachdenken muß.

Autor: Ralph Segert   Tags:   2 Kommentare    


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