Ratatatam

Massenüberwachung des Beschuldigten

20.06.11

Wenn die Polizei sich an der Erstellung von Bewegungsprofilen übt und 12.000 Anwohner und 20.000 Demonstranten stundenlang überwacht, dann muss das einfach Spaß machen, es ist so verlockend einfach und zudem lohnenswert: “Ziel der Funkzellenauswertung ist die Analyse der telekommunikativen Visitenkarte des Beschuldigten”. Polizei überwachte Mobilfunkzellen eines ganzen Stadtteils.
Nachtrag: Sächsische Polizei späht seit 2009 massenhaft Daten aus.
Nachtrag: Dresdner Datenaffäre: Auch Gespräche abgehört

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      

Aufrüsten im Cyberkrieg

16.06.11

Wenn das so weitergeht, wird 2011 in die Geschichte der spektakulären Hackerangriffe eingehen. Daran wird auch das Nationale Cyber-Abwehrzentrum wenig ändern können, sei der Name auch noch so wehrhaft gewählt. Was aber wollen die zehn Cyberkrieger des Bundes abwehren? Angriffe auf Infrastruktursysteme wie Strom- und Wasserversorgung, die ein IT-Experte als “Dr. No-Erpresservisionen” verspottet? Manche denken laut, es ginge um die Kaschierung der eigenen Machtlosigkeit. Fest steht nur, das es genauso viele Befürchtungen wie Abwehrstrategien gibt und daß die Gewinner zur Zeit die Schlagzeilenverkäufer und IT-Sicherheitsfirmen sind.

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Salatgurke!

26.05.11

Wenn man nicht grad dran sterben täte, könnte EHEC auch einer medialen Gemüse-Opera (hat nichts mit dem besseren Browser zu tun) entsprungen sein. Der Plot: Sie produzieren EU-Lebensmittel mit brutaler chemischer Niedertracht und jetzt ist die spanische Salatgurke schuld!

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      

Vergessen Sie Google, es gibt doch Buugle

20.09.10

Drüben beim Kollegen Christian Fischer entdeckt: X3: Buugle – was Google kann können wir schon lange!

Autor: Ralph Segert   Tags: , ,   1 Kommentar    

Petition gegen Datenzentrale Elena

17.03.10

Elena! Was so freundlich klingt und harmlos als “Elektronischer Einkommensnachweis” und Arbeitnehmer-Datenbank bezeichnet wird, ist nichts anderes als eine Datenkrake, eine Art Vorratsdatenspeicherung der Sozialdaten. Was die Datenbank bei der Deutschen Rentenversicherung in Würzburg speichern will, hört sich wie die Realisierung des gläsernen Arbeitnehmers an: Da sammelt man seit Anfang des Jahres monatlich Angaben über das “Gehalt und die Sozialabgaben, Informationen über Kündigungen und Fehlzeiten, Gründe von Arbeitszeitänderungen” und und und. Die Liste der Datenpflicht ist lang.

Kein Wunder, dass die Datenschutzorganisation Foebud das per Verfassungsbeschwerde stoppen will. Jeder kann diese Beschwerde durch eine Vollmacht unterstützen. Laut Onlinezähler sind bis jetzt 10013 Teilnehmer bestätigt worden. Der letzte Versendetermin für eine Vollmacht ist der 25.3.2010, also nicht zögern, sondern gleich handeln. Der Erfolg gegen die Vorratsdatenspeicherung sollte doch Mut gemacht haben. Vielleicht lernen es ja die datenraffenden Politiker mit Hilfe ihres höchsten Gerichts, dass Datenverzicht durchaus zur Demokratiebewahrung beiträgt.

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      

Wikileaks bedroht

17.03.10

Der unabhängige Enthüllungsdienst Wikileaks, der geheime und anonym eingesandte interne Dokumente mit brisanten Informationen über Konzerne und Regierungen veröffentlicht, brachte es kürzlich in die Schlagzeilen. Denn auf Wikileaks selbst erschien ein geheimer Special Report des US-Geheimdienstes, in dem Vorschläge unterbreitet werden, wie die erfolgreiche Online-Plattform, die zunehmend gefährlicher für die US-Streitkräfte würde, bekämpft werden könnte. Weitaus banaler und zugleich realer ist eine andere Gefahr für Wikileaks, nämlich Geldmangel, denn das ambitionierte Projekt braucht 600.000 Dollar im Jahr, um Vollzeit betrieben werden zu können. Zunehmende Popularität habe die Kosten in die Höhe schnellen lassen, berichtet die FR: Wikileaks macht US-Geheimdienst nervös. Mein Vorschlag für alle, denen das Spendenbuhlen der Wikipedia mittlerweile auf den Geist geht: Spendet für Wikileaks.

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      

Erfolgreiche Konzern-PR mit der Schweinegrippe?

23.01.10

Als im letzten Jahr die WHO die Schweingrippe zur Pandemie erklärte, dachte ich, die spinnen! Im Nachhinein ist das eine Bestätigung für den gesunden Menschenverstand, auch wenn der nicht immer richtig liegt. Mittlerweile erhärtet sich der Verdacht, dass die WHO mit dem panikschürenden Ausruf die Geschäfte mit der Schweinegrippe gefördert habe. Diesen Vorwurf und die Vermutung der Instrumentalisierung erhebt der Europarat. Bleibt abzuwarten, welche Folgen der Protest aus Strassburg haben wird, die gemachten Profite der Pharmaindustrie werden wohl nicht mehr geschmälert. Vielleicht geht dieser Fall auch in ein Lehrbuch für erfolgreiche Konzern-PR ein.

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      

Neues aus dem Datenmissbrauchland

02.11.09

Die “Vorratsdatenspeicherung” ist für Sicherheitsfanatiker der optimale Einstieg in die schwarz-rot-gelb-grüne Prämisse Bürger unter Generalverdacht. Was alles vorrätig und für den regen Gebrauch durch die Polizei gesammelt wird, bringt folgendes Zitat auf den wunden Punkt. Man beachte die Tatsache, dass die 15stellige IMEI-Nummer des Handys mitgespeichert wird. So sorgt man für einen hohen Grad der personalisierten Überwachung. Indirekt werden so die Daten eines Mobilvertrages mit der Vorratsdatenspeicherung verknüpft:

“Auf Vorrat erfasst werden die Rufnummern von Anrufer und Angerufenem, die Zeit des Anrufs, bei Mobiltelefonen die 15-stellige IMEI-Nummer zur Geräteidentifikation und die eingebuchten Funkzellen, um den Standort zu bestimmen. Dasselbe gilt für SMS. Bei anonymen Prepaidkarten werden auch das Datum der Aktivierung und die Funkzelle erfasst. Bei VoIP müssen auch die IP-Adressen der Gesprächspartner aufgezeichnet werden.”

Ist es Zufall, dass die extreme Sorge des Staates um zunehmende Überwachung des Bürgers im umgekehrten Verhältnis zur Sorge um den Datenschutz steht? Betrachtet man die Datenschleuder Arbeitsagentur, so liegt die Vermutung nahe, dass Datenmissbrauch aus Staatssicht zur Kategorie der Kaveliersdelikte gehört. Ist doch einfach nur praktisch, dass “Daten über Suchtkrankheiten und Verschuldung bis hin zu schwierigen familiären Verhältnissen [...] bundesweit von rund 100.000 Jobcenter-Mitarbeitern eingesehen werden” konnten.

deine daten für den staat

Autor: Ralph Segert   Tags: ,   2 Kommentare    

Einfach besser überwachen

20.10.09

Überwachte Individualität Täglich notiere ich mir interessante Artikel während der Lektüre meiner Tageszeitung und diverser Dienste im newswahnsinnigen Web, um hier früher oder später darüber zu schreiben. Aber so oft ich es mir vornehme, so oft setze ich für den Arbeitstag andere Prioritäten. Beim Lesen der Golem-Meldung CIA interessiert sich für das Web 2.0 fiel mir aber gleich ein Artikel ein, den ich bereits besprochen haben wollte und der Überwachung und die Firmen, die sich goldene Nasen daran verdienen, thematisierte. Die FR titelte dazu laut Wider den Überwachungswahn und beschreibt kurz die Überwachungsprodukte hierzulande tätiger Firmen. Da wäre z.B. das Unternehmen Nokia Siemens Networks, die “im vergangenen Jahr ein Aufzeichnungssystem für Handygespräche in den Iran geliefert haben”. Bedeutet, für Ihren Verkaufserfolg helfen sie gerne, Oppositionelle im Iran schneller zur Folter und zum Galgen zu führen. Hauptsache der Kunde zahlt, das kennen wir. Und Chisco darf in der Liste natürlich nicht fehlen, ohne Chisco wäre China wohl längst nicht so weit mit der Internetüberwachung. Die “Service Control Engine” von Chisco verspricht lückenlose Internetzensur und -verfolgung, geradezu maßgeschneidert für Diktaturen und für den Big Brother Award. Aber nicht nur in antidemokratische Systemen, sondern auch hierzulande und in Europa läuft alles auf den Slogan einer “Sicherheitsfirma” hinaus: “Syborg – einfach besser überwachen”.

Weitere Links:

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      

Gegenöffentlichkeit und Zensur im Web 2.0

15.09.09

Nachtrag über den Fall der Prügelpolizei auf der Berliner Demo “Freiheit gegen Angst”: Die FR berichtet in dem Artikel Anonymität schützt Polizisten über das Problem nicht verfolgter und bestrafter Polizeigewalt und weiss in dem Artikel “Hasserfüllter Content”? über die Abschaltung des Videos, das den Polizeiübergriff belegt, durch YouTube/Google zu berichten. Bemerkenswert der Absatz:

“Und so bleibt es den Bloggern vorbehalten, den demokratischen Grundwert der Öffentlichkeit zu verteidigen. Denn auch wenn Googles Europa-Chef Schindler vor Jahren in Mainz beteuerte, sein Konzern tue doch nichts anderes, als “Information zu organisieren”, so ist längst klar, dass darunter auch das Steuern und Unterdrücken von Informationen zu verstehen ist.”

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      

Scheinduell

14.09.09

Was ein RSS-Feed über Politik und eine freiwillig staatshörige Tagesschau aussagt oder die Anhäufung eines nichtigen Themas, das Fragenzeichen und das Bände sprechende Foto:

staatshörige Tagesschau

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Die Gegner der informationellen Selbstbestimmung

13.09.09

Wie in einigen Kreisen der Polizei über Bürgerrechte nachgedacht wird, bringt treffend folgender Blogbeitrag zum Ausdruck: Polizei schlägt in Berlin Demonstranten für Datenfreiheit zusammen. Der Polizeischläger auf dem Video erinnert mich – mit Verlaub – an einen üblen Nazischläger. Zudem sieht man die grünen Verteidiger der Demokratie fleissig filmen, obwohl es auf friedlichen Demostrationen rechtswidrig ist (aber man muss halt immer klagen, um hier Recht zu bekommen). Das kann wohl die Antipathie der Exekutive gegenüber der informationellen Selbstbestimmung nicht treffender auf den Punkt bringen. Oder um aus Fefes Blog mit “Hintergründen und jede Menge Download-Optionen” zu zitieren:

“LEIDER haben die Polizisten IMMER NOCH NICHT eine Identifikationsnummer für solche Fälle, das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist, dass wir Nerds inzwischen HD-Camcorder haben und man aus dem 720p-Video (Achtung: knapp 250 MB) ein paar schöne Frames extrahieren kann, die für eine Identifizierung der Prügel-Cops ausreichen sollten.”

Edit: Ich bin gespannt, ob der “Prügelbeamte” in Sachen Demokratie statt Schläge disqualifiziert wird oder zur Belohnung nach Afghanistan versetzt wird: Freiheit statt Angst: Polizei ermittelt gegen Prügelbeamte. Die Stellungnahme der Polizei läßt anderes vermuten. Subedit: Demokratie ein Geduldsspiel

Edit: Holla, auf Golem fährt einer Sonntagsschicht für die Netzpolitik: Freiheit statt Angst: Ermittlungen gegen Polizisten. Am Samstag: Freiheit statt Angst: Über 25.000 demonstrieren in Berlin

Edit am 24.09.09: FR online: Noch mehr Prügel-Polizisten

Fahndungsfoto eines Bürgers

Autor: Ralph Segert   Tags: ,   4 Kommentare    

NRW-Kommunalwahl und die Kabelbinderverschwender

27.08.09

Kabelbinderverschwender

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein gewissenhafter Arbeiter hier im Ruhrgebiet eine Partei wählt, die dermassen verschwenderisch mit Kabelbindern umgeht, ob in Recklinghausen, Gelsenkirchen oder Herten. Und die werben mit Sprüchen wie “Politik kann auch ehrlich sein” oder “Einschulung nur mit Deutsch-Kenntnissen!”. Ganz übler rechtslastiger Populismus, mit dem die Verfechter einer grenzenlosen Videoüberwachung auf Stimmenfang zur NRW-Kommunalwahl gehen. Und die Kabelbinderverschwender stehen nicht alleine da auf rechter Front, wie der FR-Artikel Neue Köpfe am rechten Rand richtig bemerkt.

Ansonsten glänzen die Wahlplakate vor einfallsloser Blödheit, dass es weh tut. Sage nichts, das könnte falsch ausgelegt werden, ist das Motto der Volksparteien. Eine Ausnahme machen Die Grünen: Da geht es um Kindergartenplätze und um das Wahlrecht für integrierte Einwanderer. “Alleine spielen macht DOOF”, “Zeit für bessere Kitas”. So ist es! Und wenn ich recht erinnere, stand auf einem anderen: “9 Angestellte, 1 Steuernummer, 0 Wahlrecht”. Das bringt es gut auf dem Punkt. Leider konnte ich die Wahlplakate bisher nicht auf der Website der Grünen NRW entdecken, selbst auf dem sogenannten Wahlkampfportal nicht. Ist es wahr!?

Edit: Hätte mich auch gewundert ;-): Die Plakate gibt es in einem Blogbeitrag und unter dem Tag Plakate zu sehen. Gelungenes und überzeugend umgesetztes Konzept, das bei uns neue Sympathien weckte. ;)

Zeit für gleiche Rechte

Zeit für bessere Kitas

Autor: Ralph Segert   Tags: ,   3 Kommentare    

Bürger ohne Datenschutz

07.04.09

Wer sich auch nur ein klein wenig für den Schutz seiner Daten interessiert, dem lege ich dringend die Doku “Der gläserne Deutsche” ans Herz, die das ZDF heute um 23.30 Uhr sendet. Die FR hat dazu einen sehmotivierenden Artikel namens Bis unter die Haut veröffentlicht. Vertiefen läßt sich übrigens die Tatsache des real existierenden Datenmissbrauchs zudem durch den Artikel “Freiwillige” Rasterfahndung, der Belege dafür anführt, wie das Bundeskriminalamt mit Beginn der Antiterrorhysterie ab Herbst 2001 persönliche Daten von Firmen eintrieb, um damit die heute als verfassungswidrig eingestufte und äusserst erfolglose Rasterfahnung zu betreiben. Was sagt uns das alles? Dass der gläserne Bürger längst Tatsache ist? Reichen Sarkasmus und renitente Plakate oder was muss passieren?

Statements aus der Blogosphäre zur Dokumentation “Der gläserne Deutsche”:
Text & Blog: Der gläserne Deutsche: Doku über Datensammler. Dort auch der Hinweis auf die ZDF-Mediathek, für Interessierte, die heute Abend nicht schauen können.
Handakte Weblawg: ZDF-Doku: Bis unter die Haut
Oberlehrer: Der gläserne Deutsche im ZDF

Autor: Ralph Segert   Tags: ,      

Abgrundtiefe Betroffenheit

15.03.09

Die mediale Ausschlachtung des Amoklaufs nahm ich nur aus den Augenwinkeln wahr. Mehr als ein Schulterzucken habe ich zur Zeit nicht übrig dafür. Zu oft und detailreich hatte ich etwas in der Art in den letzten Jahren beobachtet. Mit der Ära 11. September, mit der Rechtfertigung des Afghanistan-Krieges und in den Tagen von Heiligendamm traten die medialen Muster zwischen Desinformation und Krokodilstränen, die getragen von kaltherzigen Zynikern, halbwissenden Experten und hörigen Rezipienten, deutlicher denn je hervor.

Zu beobachten ist auch der Verlust sprachlicher Feinmotorik selbst bei der sich um Seriösität bemühenden Presse. So titelte die Frankfurter Rundschau einen Tag nach den Geschehnissen selbstgerecht auf der Titelseite: “Der Amoklauf von Winnenden”. Als wüsste die Zeitung bereits alles über den Fall, als wäre alles gesagt und geklärt, als hätte der Amoklauf von … bereits in der Pipeline gestanden. So zeigt der Freitag Sinn für die Ausschlachtung medialer Konjunkturwörter und läßt Nachrichten Amok laufen. Weniger verzeihlich dagegen ist ein anderes Beispiel medialer Verfehlung. So belegt die Süddeutsche Zeitung aufschlussreich die These, dass journalistische Recherche sich untertänigst an kompetenzfreie Aussagen staatlicher Organe zu orientieren habe.

Verstärkt hat sich in den letzten Jahren eine Art ritualisierter Kleinkrieg zwischen “etablierter Online-Presse” und “engagierten Bloggern”, die bei besonders heiß diskutierten Themen vor allem von Spiegel online genutzt wird, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das wird, anders gesagt, mit Hilfe der Gerechten bewusst als mediale Masche eingesetzt. Im Verlauf entfernt sich der Empörungsfokus weg vom Geschehnis hin zum Feindbild Berufsjournalist und das in einer Aufgeregtheit und Wut, die jeder Verhältnismäßigkeit spottet.

Derweil schlägt das kalte Herz des deutschen Beamtenapparates tagtäglich gegen Recht und Würde zu. Nur schaffen es die Menschen zweiter und dritter Klasse nicht auf die Titelseiten und in die beste Sendezeit. Beamte des “Frankfurter Flughafenasyls”, eine der ersten Adressen der Flüchtlingsabwehr unter dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, hatten einem 17jährigen hochschwangeren Mädchen kurz vor der Entbindung eine “angemessene Betreuung” verweigert. Erst öffentlicher Druck half die Beamten zur Einsicht. Zuvor muteten sie dem Mädchen noch ein quälendes Verhör zu, schließlich gelten Flüchtlingskinder ab 16 Jahren als “asylmündig” – “eine Form der Volljährigkeit, die es nur für Flüchtlinge gibt”.

In diesem Licht erscheinen die aus allen Ecken der Nation kriechenden Tiefbetroffenen wie ein häßlicher Haufen der Heuchelei. Die Gleichen, die hierzulande per Gesetz den Flüchtlingen das Leben so schwer und unwürdig wie möglich zu machen versuchen und dabei auf zahlreiche Beamte ohne einen Funken Mitgefühl zurückgreifen können, die Gleichen stellen sich vor das Mikrofon, um ihrer abgrundtiefen Trauer öffentlichkeitswirksam Ausdruck zu verleihen.

Autor: Ralph Segert   Tags: ,   1 Kommentar    

Kein Medienlemming

05.01.09

Das Recht auf Selbstverteidigung haben Faschisten in aller Welt schon immer so ausgelegt, dass ein Opfer in den eigenen Reihen hundertfach gerächt werden muss. Aber soweit muss man gar nicht gehen, um die Kriegssüchtigen dieser Tage, die gerne um Weihnachten zum Ausdruck bringen, was sie vom Völkerrecht halten, zu entlarven. Ein Wahlkampf, eine Generalskarriere reicht, um sie möderisch zu machen, so einfach kann Politik sein. Die Affen in der Presse, von kriegsliberal bis dumpf-auf-Merkel, die, die jeden Tag die Toten zählen, als wären es noch nicht genug, die, die für ihren Karrierearsch die Rechtfertigungen fürs staatliche Morden protegieren, die? – Die kenne ich nun zu lange, die gehen mir am Arsch vorbei. Ich bin kein Medienlemming, der auf Abruf auf Empörung macht. Dafür ist zuviel alltägliches Leid und zuviel alltäglicher Krieg in der Welt ohne Öffentlichkeit. Alltäglicher Krieg, der nicht zuletzt durch eine Rüstungsindustrie gewollt ist, die hierzulande weltweit auf Platz Drei thront. Irgendeine Industrie muss in der Krise schliesslich funktionieren, selbst dann, wenn die Krise vor ihrem unerwarteten Ausbruch medial aufgeputscht wird.

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Kluges zur Krise

16.12.08

Darf ich der Runde die Frage nach klugen Texten zur Krise stellen, die über Knallfroschrhetorik hinausgehen? Gemein, gewiss, denn allzuviel scheint es nicht zu geben. Entsprechend erwarte ich Sprachlosigkeit, die manchmal auch nicht schlecht sein muss. ;)

Mein Text der Woche zum Thema Krise ist ein Interview mit Wolfgang Schivelbusch. Unter dem Taz-Titel “Demokratie ist ein Wohlstandsprodukt” zeigt Herr Schivelbusch historisch gesättigten Realitätssinn, der nur gut tun kann und dem engstirnigen Gegenwartsversauern selbstbewusst Parolie zu bieten vermag.

Wolfgang Schivelbusch hat hochinteressante und wunderbar zu lesende Bücher geschrieben, die ich Anfang der 90er Jahre entdeckt habe. Sie zeigen, das nicht nur die Angelsachsen komplexe Themen allgemeinverständlich vermitteln können. Folgende Bücher, Symbiosen aus Wissen und Unterhaltung, möchte ich ans Herz legen: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft – Eine Geschichte der Genussmittel (6. Auflage, 2005, Originalausgabe: Carl Hanser Verlag 1980). Lichtblicke – Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert (Originalausgabe: Carl Hanser Verlag 1983) und Geschichte der Eisenbahnreise (Originalausgabe: Carl Hanser Verlag 1977).

schivelbusch-buecher

Autor: Ralph Segert   Tags: , ,   1 Kommentar    

Popmusik als Folterwerkzeug

14.12.08

Die Titelmelodie der Sesamstraße, “Stayin’ Alive”, “Born in the USA” und andere Popsongs wurden im Terrorgefängnis Guantánamo zur Folter eingesetzt. Nun wehren sich die Musiker. Ausser Metallica, die seien “stolz” darauf, “am ‘Krieg gegen den Terror’ teilnehmen zu dürfen”. Stecken die also mit dem Ex-Folterchef Rumsfeld unter einer verkommenen Decke. Ich fand ihre Musik schon immer so scheisse wie die kalte Fresse vom Herrn Donald. Die Liste der Songs hat die britische Menschenrechtsorganisation Reprieve veröffentlicht. Es gibt Gazetten, die diese Folter verharmlosen.

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Krise Bumm Knall im freien Fall

10.12.08

“Die Weltwirtschaft befindet sich im freien Fall“! Wusch Bumm Knall! Jeden Tag jetzt exklusiv allerlei Prozente der Apokalypse. Ein Experte übertrifft den anderen. Man orakelt sich in Panik. Morgen machts da puff und die Weltwirtschaft is putt, der neue Slogan der Massenbewegung der Wirtschaftsweisen und Amateurjournalisten. Die Weltwirtschaft wird zum Verschwörer und droht mit Soilent Green. Nicht Dioxin, nicht Feinstaub wird uns raffen, auch das Klima und sein Wandel wirds nicht schaffen; ja selbst ExxonMobil packt das nicht, im vollen Wahn der Wachstumspflicht, na, wer wirds schaffen? Was?

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Daten und Drogen

08.12.08

Datenpanne? Oder Schlaglicht auf einen lukrativen Wirtschaftszweig, der funktioniert? Mit Daten scheint es ähnlich zu sein wie mit Drogen. Werden Daten und Drogen legalisiert, verschwindet die Profitbasis und die Kriminalität sinkt. Denkbar wäre eine web2.0konzipierte Datenbank. MyDatar oder so. Dort könnte Jeder Bankverbindung, Vermögensverhältnisse und persönliche Eckdaten veröffentlichen.

Was soll mir passieren, wenn jemand erfährt, dass ich Knietief im Dispo stecke oder Kohle auf der hohen Kante habe? Der, der es wissen will, weiss es längst. Die Bankverbindung, mein Gott, die steht auf jedem Geschäftsbrief, auf Postkarten, wird zigtausendfach beim Onlineshoppen übers Netz gejagt. Und das ich eine Augenfarbe und Schuhgröße habe und älter als das Internet bin, dürfen alle wissen. Keine Panik. Was soll passieren? Der gläserne Kunde ist längst Realität, er weiss es nur noch nicht. Und?

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Präoperationales Stadium

07.12.08

Kinder an die Macht? Sind sie doch! Problematisch nur, dass die sich im Präoperationalen Stadium befinden – Herr Piaget läßt grüßen. Sie sind aufgrund ihres Egozentrismus nicht in der Lage, sich in andere Menschen hineinzudenken. Anders lassen sich zwei Vorschläge zur Förderung des deutschen Bankrotts nicht erklären. Eine Konsumpauschale in Form von Konsumgutscheinen für alle Bundesbürger und die Forderung nach Geld für die Renovierung von Schulen und Unis als Konjunkturhilfe, das sind zwei typische Beispiele für egozentriertes Problemlösen. Vertretbar wäre auch eine Interpretation, die Politikvermeidung als Ausdruck frühkindlicher Reflexe begreift, kurz als Hosenscheisserpolitik.

Es geht um Konsumgutscheine in einem Land, in dem das private Vermögen bei geschätzten 9 Billionen Euro liegen soll – vom Baby bis zum Greis wären das um die 94.000 Euro für jeden Bürger. Das zeigt, wir leben in einem Land der Saturierten, das zugleich ein Land der Neider, Unzufriedenen und Angsthasen ist. Die würden natürlich vor Neid platzen, wenn allein die Masse der Sozialschmarotzer von einer staatlichen Förderung profitieren würde. Kein staatlich subventionierter Hossenscheisser setzt sich in eine solche Nessel.

Also heißt es, 500 Euro für jeden Bürger auf den Gabentisch. Die deutsche Rekordschere zwischen arm und reich wird einfach wegdilettiert. Auf keinen Fall wird ein Klientelfixierter das Prinzip der Gleichbehandlung verletzen, nur weil 10, 11 oder 13 Millionen Menschen hierzulande kein Land in Sicht sehen und perspektivlos vor sich hin überleben. Chancenfördernde Sozial- und Steuerpolitik hört bei potentiellen Wahlverweigerern konsequenterweise auf. Einmalige Armenspeisung zur Weihnachtszeit ist aber drin. Tut dem Gewissen gut und hilft populistisch einige zweifelnde Stimmen zu retten.

Und so sauber das Gewissen durch Hauruckgutscheine geputzt werden soll, so soll auch die Bildungsmisere endlich nicht mehr so augenfällig auffällig werden. Was innen abläuft, also da drinnen, in diesem heruntergewirtschafteten Bildungssystem, das darf so bleiben. Aber nach aussen, wenigstens nach aussen, muss es hübsch und ordentlich aussehen! Der Schein, der mag trügen, aber für ein bis zwei Legislaturperioden, die den Wohltätern der Nation die Rente sichern, ist er allemal gut.

Autor: Ralph Segert   Tags:      


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