Ratatatam

12.02.08

Asoziale Software und soziale Suche

Zeitlich gesehen ist die folgende Meldung ne olle Kamelle, trotzdem zeigt sie, wie asozial soziale Software sein kann. So habe Facebook um die Jahreswende zahlreiche User vergrault, weil es die Weihnachtseinkäufe an Freunde und Verwandte ausgeplaudert habe: “Hey! Dein Bekannter Michael hat sich gerade das Computerspiel Lego Star Wars gekauft.” Das hat ja nicht nur Nachteile, man bedenke, wie cool das ist, wenn man vorher weiss, was für eine Scheisse man wieder geschenkt bekommt. Da kann man sich seelisch bereits aufs Umtauschen vorbereiten.

Aber Späßchen beiseite, einigen sozialen Netzwerkern scheint der Ausverkauf ihrer Daten schon länger nicht zu gefallen und sie kämpfen für A Bill of Rights for Users of the Social Web (deutsche Übersetzung von Thomas Kalka). Ob man damit aber das, was erfolgreiche soziale Netzwerke so scheinbar wertvoll und faktisch teuer macht, entschärfen kann, nämlich den gläsernen User zu etablieren, der gezielt mit Werbung angesprochen werden soll und dessen persönliche Daten dafür ausgewertet werden, bleibt abzuwarten.

Andererseits zeigen die Proteste der jüngsten Vergangenheit, ob bei Xing, Facebook oder studieVZ, dass ohne das Prinzip der Freiwilligkeit soziale Netzwerke nicht funktionieren können (ausser das Netzwerk für Schafe). So wird wohlmöglich die Option gezielter Datenfreigabe das wichtigste Feature sozialer Software, auch wenn klar ist, dass Auswertung, Verkauf und Tausch millionenfacher persönlicher Daten längst stattfindet.

Andererseits behagt es mir nicht mehr, soziale Netzwerke pauschal in die Ecke der Privatsphärenkiller zu stellen. Linke Affekte blockieren das Nachdenken. Zum Beispiel darüber, ob die Arbeit neuer Start-ups vielversprechend und usernützlich werden wird, Suchmaschinen zu entwickeln, die die (freiwilligen) Daten sozialer Netzwerke finden und auswerten. Hier wird meiner Meinung nach an der Suchmaschine der Zukunft gearbeitet, Google ist wohl erst der Anfang intelligenter Suchmaschinentechnologie.

Ich stelle mir vor, ich suche Usererfahrungen zu bestimmten Produkten. Welche Zeitersparnis, wenn ich mich nicht mehr durch den Wust reiner Produktangebote oder Preisvergleiche kämpfen müsste, sondern gleich alle relevanten Erfahrungs- und Testberichte gelistet bekäme. Oder ich möchte etwas über einen Film, Schriftsteller oder Schauspieler aus der Sicht der Fans und Kritiker wissen, die im Web darüber geschrieben haben. Oder denken wir an fachlich orientierte Netzwerke, die Problemlösungen veröffentlicht hätten, deren Ergebnisse mir nach einer Suchanfrage ohne lästige Penetranz von Marktführern präsentiert würden.

Über die kollektive Leistung der Netzwerk-Nutzer allein in Sachen Tagging berichtet der Artikel Suchen im Netz der Nutzer in der aktuellen Technology Review. Darin wird der Internetdienst Librarything.com vorgestellt, der Usern anbietet, ihre gesamten Bücher zu registrieren und mit Schlagworten und Kommentaren zu versehen. “Auf diese Weise ist seit Mitte 2006 ein kollektiver Katalog mit rund zwanzig Millionen Einträgen entstanden.”

Das ist nicht nur im Hinblick auf das urmenschliche Mitteilungsbedürfnis und seine große Bedeutung für soziale Netzwerke faszinierend, es vermittelt auch eine Ahnung davon, dass “Wissen teilen” mit Wikipedia und Social Bookmarking erst der Anfang ist. Man stelle sich nur einmal Luhmanns Zettelkasten als soziales Netzwerk vor, eine Sammlung thematisch strukturierter Exzerpte und Zitate aus allen Wissensgebieten.

Die Beispiele für die sinnvolle Nutzung sozialer Software und Suche liessen sich fortführen. Und so einfach sie sich anhören, so hoch sind die Hürden für technisch ausgereifte Systeme, die aus dem riesigem Datenmeer der User das wirklich Gesuchte finden. Der oben verlinkte Artikel in der Technology Review verweist da zum Beispiel auf den Wildwuchs beim Tagging, das von vielen Usern nach subjektiven Eindrücken zwischen “nett” und “schön” eingesetzt wird. Die Relevanz für eine Suche geht im Dschungel der Beliebigkeit gegen Null. Auf der anderen Seite läßt der “Jargon” Rückschlüsse auf die Interessengruppe zu.

Sprache, Subjektivität, Fragmentierung der Interessen, da haben sich Entwickler sozialer Suchmaschinen etwas aufgehalst, was an Indifferenz und Differenz nicht zu überbieten ist und von Maschinen geordnet und sinnvoll ausgegeben werden soll, ohne den Suchenden mit seinen Interessen und Motiven, Vorlieben und Erwartungen jemals wirklich kennen zu können. Das wird eine spannende Suche.

   

1 Kommentar

  • 1 — Geschrieben von Benni Bärmann am 13. Februar 2008 um 23:20:

    Die Zukunft der sozialen Netze liegt in ihrer Dezentralisierung. Damit hat potentiell jeder Nutzer die Chance selber Netzanbieter zu werden. Jeder wird sein eigenes Facebook und bleibt trotzdem in Kontakt. Wenn er will. Oder benutzt einen Anbieter seines Vertrauens. Erste Prototypen existieren bereits: noserub.org z.B.

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